Naturjodel – Quo vadis?

Landauf, landab erfreuen sich Naturjodel-Konzerte grosser Beliebtheit und vermögen viel Volk anzuziehen. „Ur“ und „Natur“ werden neu entdeckt und sind voll im Trend.

Auch in der sogenannt alternativen Szene werden nach dem Amerika- und Ethno-Boom wieder vermehrt die eigenen Wurzeln gesucht (und entwickelt). Welche Gruppe ist näher dran?

In den vergangenen Jahrzehnten ist vieles geschrieben worden über den Naturjodel und mittlerweile fast Allgemeingut in Jodlerkreisen. So sind schon früh die Unter-schiede zwischen den drei Gebieten Appenzell/Toggenburg, Bern und Innerschwyz beschrieben und auch den entsprechenden Jodeltypen zugeordnet worden.

Lange Zeit hielt sich in Jodlerkreisen die Meinung, der Naturjodel sei etwas Ur-Schweizerisches. Heute wissen wir, dass unser Jodel sich wohl nur durch Äusserlichkeiten von analogen Gesängen anderer Erdbewohner in Afrika, Ozeanien und anderswo unterscheidet.

Sah man noch in den Sechzigerjahren archaische Wurzeln hinter Naturjodelmelodien des Muotatals und Appenzells, so müssen wir aufgrund letzter Forschungsergebnisse akzeptieren, dass unser Naturjodel doch kaum älter als 150 Jahre ist; der Rest ist reine Hypothese.

Dies alles tut dem Phänomen Naturjodel meiner Meinung nach gar keinen Abbruch. Im Gegenteil: Endlich beginnen wir mehr auch andere Gesichtspunkte zu beachten, welche früher vielleicht gar nicht unbedingt beachtet werden wollten (soziales Umfeld, Tongebung, Intonationen). Dass uns dabei gerade ausländische Forscher (Zemp, Fritz) helfen, die Natur im Naturjodel neu zu entdecken, ist sicher nicht zufällig.

Unverkennbar hat sich der Naturjodel im letzten Jahrhundert, auch unter Anweisung, verändert und in der Vortragsart mehr und mehr zu einem Kunstgesang entwickelt. Bewundernswert, was da heute an gesanglicher Höchstleistung vollbracht wird: Gepflegt, anmutig, harmonisch, rein, beherrscht.

Auch ich höre gerne ein-gängigen, kultivierten Gesang; aber nicht beim Naturjodel.

Was wäre, wenn das Laute und sogenannt Falsch-Tönende unsere eigentliche Tradition war?

Ein Naturjodel muss nach ungedüngter Erde riechen und mich direkt im Bauch treffen; ohne Umweg über den Kopf.

Ich glaube in dieser Hinsicht ist zu viel Eigentümliches auf der Strecke geblieben; hat sozusagen den Sprung in die höhere Liga nicht geschafft. Schon Robert Fellmann hat eine Rückbesinnung gefordert.

Als (Mit-) Behüter dieses Grals sollte der Jodlerverband seine Verantwortung wahrnehmen, sich öffnen und eine Plattform bieten auch für das Andere. Es wäre zu schade, vom reichhaltigen Alpenblumenstrauss nur Edelweiss und Männertreu zu pflegen.

Auch Wilder Mann und Steinbrech gehören dazu.

In diesem Sinne pflegt das Echo den Naturjuuz, wo Unterschiede und Eigenheiten hörbar sind und die Darbietungen auch im Ausdruck den Namen Naturjodel verdienen.

Peter Betschart